[CfP]: Minderheiten und Disruptionen

(Pressetext des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung)

Wie reagieren Minderheiten auf disruptive Situationen und Konstellationen? Wann nehmen Minderheiten z.B. Belastungs- oder Bedrohungslagen als handlungstreibend wahr, um mediale Öffentlichkeiten zu suchen und ihre Interessen gegenüber der Mehrheit geltend zu machen? Wo wirken Disruptionen kohäsiv oder gar formativ auf Minderheiten? Im ostmitteleuropäischen Raum sind solche Konstellationen insbesondere in den vergangenen Jahren verstärkt aufgetreten, sei es beim Umgang mit Roma in der Slowakei nach Ausbruch der Corona-Pandemie, aber auch beim Umgang mit der LGBTQ-Bewegung in Polen. Die Sorben in Ostdeutschland reagierten beim „Crostwitzer Aufstand“ 2001 mit dem ersten Streik in ihrer Geschichte auf die damalige sächsische Schulpolitik und sind jüngst in der Auseinandersetzung um das beabsichtigte Bismarck-Denkmal auf dem Czorneboh in der Lausitz erneut in die öffentliche Debatte eingestiegen. Historisch wie gegenwärtig bietet Ostmitteleuropa mit seiner besonders komplexen Struktur von Mehrheiten und Minderheiten eine Vielzahl von exemplarischen Fragestellungen zur Disruptionsforschung.

Minderheiten werden in diesem Sinn nicht nur ethnisch gefasst, sondern schließen allgemein marginalisierte Gruppen z.B. in Grenzräumen, aber auch ehemalige DDR-Vertragsarbeiter, gegenwärtige Migranten etc. ein. Entsprechend soll reflektiert werden, inwiefern sich eine als Minderheit bezeichnete Gruppe selbst als kohärente Einheit versteht und wie die entsprechenden Parameter definiert werden. Oder spiegelt eine solche Zuordnung eher den Blick von außen und bildet ein Konstrukt ab, das der Stigmatisierung und Externalisierung dient? Handlungsstrategien und -optionen, Erfolg oder Scheitern der gewählten Varianten, Selbst- und Fremdreflexion der grundlegenden Voraussetzungen für Agency bei Minderheiten im Licht von Disruptivität sollen Thema der Jahrestagung sein.

Konzeptioneller Ausgangspunkt kann ein Verständnis von Disruption sein, das unter diesem Terminus Ereignisse und Prozesse der kollektiven Denormalisierung fasst, die Gesellschaften massiv unter Stress setzen und Deutungsnotwendigkeiten virulent werden lassen. Das Konzept „Disruption“ adressiert demnach Phänomene der Unterbrechung und der Aufstörung, mit denen immense politische, kulturellen und soziale Irritationspotenzialen verbunden sind. In diesem Sinne verstandene Disruptionen lassen sich hinsichtlich von Aspekten der Relationalität, der Situierung, Temporalität, Reichweite, Intensität, Funktionalität, des epistemischen Status sowie der Affektivität differenziert beschreiben
(https://tu-dresden.de/gsw/forschung/projekte/tudisc/conceptual-basis).

Der vergleichende Blick auf Disruptionsphänomene bei ostmitteleuropäischen Minderheiten dient der Präzisierung des Verständnisses von Bedrohung und Sicherheit in deren jeweiliger Wahrnehmung, die von einer prinzipiell erhöhten Sensibilität für Disruption als existenzielles Risiko geprägt sein dürfte. Von besonderem Interesse ist deshalb auch das Potenzial von Disruption als minderheitenspezifisch dynamisierender Konstruktions- und Kreativitätsfaktor.

Ort: Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, Gisonenweg 5-7, 35037 Marburg
Zeit: 29. September bis 1. Oktober 2022

Wir bitten um die Einsendung von Abstracts im Umfang von max. 250 Wörtern incl. CV und bis zu 10 Ihrer wichtigsten Publikationen an alena.naumann@tu-dresden.de bis zum 13. Februar 2022. Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. 

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